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Antimedea

Georgien voll im Lampenfieber. Das Land war noch nicht so präsent wie im Jahr 2018. Georgien wird bei der Frankfurter Buchmesse als Gastland anwesend sein. Viele Menschen sprechen mich an was für ein Land das sein soll, Ob das ein schönes Land sei? Ob es für Touristen dort gefährlich sei? Meine Antwort lautet immer: Lesen Sie bitte das Buch „Das achte Leben“ von Nino Charatischwili und Sie können sich dann eine gute Vorstellung davon machen.

Ich finde das Buch sehr bedeutend, nicht nur für die Buchmesse, sondern für auch Menschen, die das Land kennenlernen möchten, in seine Geschichte und Kultur hineintanzen wollen.

Aber bevor der Herbst kommt gibt es deutschlandweit viele begleitende Veranstaltungen zur Buchmesse, die georgische Bücher und deren Autoren präsentieren. Am 18 April in Frankfurt in der Romanfabrik hat Lasha Bugadze über sein spanendes Theaterstück „Antimedea“ gesprochen.

Lasha Bugadze, geboren 1977 in Tbilissi, zählt zu den wichtigsten Autoren Georgiens. Seine Romane und Theaterstücke wurden in viele Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.

Medea Mythos
Medeas Gestalt wird in den Mythologien und Überlieferungen kontrovers dargestellt. Bei Euripides hilft die in Jason verliebte Frau, das goldene Vlies zu erbeuten und flieht zusammen mit den Argonauten aus ihrer Heimat. In Korinth lebt sie einige Zeit glücklich zusammen mit ihrem Mann und zwei Söhnen, bis Jason seine Frau verlässt, um die Tochter des Königs Kreon zu heiraten. Aus Rache ermordet die Betrogene Kreon, seine Tochter und ihre eigenen Kinder.

In der georgischen Tradition hingegen ist Medea eine Königstochter von göttlicher Abstammung, eine weise Frau, die sich mit Heilkunde befasst und wohl das älteste Leitbild einer emanzipierten Frau darstellt.

Medea vs. Realität
Der Autor wählt aus vielen Interpretationen des Medea Mythos nur zwei Elemente aus: Medea ist eine Emigrantin, von dem Mythos befreite, starke Frau, sie sich in einer extrem schlechten Situation befindet. Sie hat nämlich nur einen Tag um Griechenland zu verlassen und nie mehr zurückzukehren. Ihre Kinder werden ihr weggenommen. Weil sie vom Ehemann betrogen worden ist, lässt sie sich scheiden. Da kriegen die Befördern mit, dass sie ganz am Anfang irgendwie illegal gewohnt hat. Deshalb muss sie jetzt das Land verlassen. Nach 17 Jahren Aufenthalt.

„Griechen haben Angst vor ihr, vor Fremden“.

Mit diesem Stück stellt Lasha Bugadze die mögliche Zukunft des heutigen Europas dar.

Die Möglichkeit das Europa, Gipfel der Zivilisation, sich isolieren könnte, sich abschotten könnte, barbarisch werden könnte“.

„Einige europäische Politiker äußern sich  - ob die EU nicht eine Mauer bräuchte, um sich zu schützen. Also das Potenzial, dass reaktionäre, konservative und nationalistische Richtungen politische Realität werden könnten, ist vorhanden.“ Das will uns Lasha Bugadze mitteilen. Daher erzählt er in seinem Stuck über eine Emigrantin, die Hoffnung hat vom zivilisierten Europa nicht im Stich gelassen zu werden, sowie Medea die Hoffnung hatte, dass das zivilisierte Griechenland sie nicht enttäuscht.

Das griechische Gericht jedoch teilte eine Abschiebungsentscheidung mit. Obwohl Sie viele Jahre dort lebte und verheiratet war. Nach der Scheidung muss Sie innerhalb 24 Stunden das Land verlassen.

Sowohl bei Euripides als auch in Lashas Stück, tötet Sie ihre eigenen zwei Kinder bevor sie das Land verlässt. Wieso tötet Medea ihren eigenen Kindern und vor allem für wen verübt sie diese Tat? Wem versucht Sie damit zu schaden? Ist das ihr Ehemann Jason, der sie betrogen hat oder eine Gesellschaft, die ihre Augen verschließen will?

Lasha meint, für ihn ist diese Tat als anti-gesellschaftlicher Akt zu verstehen und dementsprechend ist der Titel dieses Stückes „Antimedea“. Letzten Endes ist die Tat die Bestrafung einer Zivilisation.

„Die Zivilisation, die vorgibt hoch zivilisiert zu sein, dafür aber deren Werte zu gering sind.

Die ganz starke Meinung vom Autor. Sollen wir uns wirklich Sorgen machen, ob europäische Werte verloren gehen? Hat Europa wirklich Angst vor den Fremden? Das sind Fragen, die uns vielleicht viele Jahre noch begleiten werden und wir alle müssen darauf vorbereitet sein. Inga Khapava 05-2018

Lasha Bugadze - Kurzportrait

Lasha Bugadaze ist ein bekannter georgischer Theaterautor, Schriftsteller und Cartoonist. Geboren am 16. November 1977, wurde er an der Jakob Nikoladse Kunsthochschule, der Fakultät für Drama an der Schota-Rustaweli-Universität für Theater und Film und der Kunstfakultät der Staatlichen Ivane Javakhishvili Universität in Tblissi ausgebildet.

Seit 1998 veröffentlicht er Prosa und daramatische Werke und ist daneben auch als Karrikaturist bekannt. Er ist Autor von über vierzig Theaterstücken und Romanen und wurde mehrfach mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. 2011 den ersten Preis der BBC Playwriting Competition für das Theaterstück The Navigator (ins Englische übersetzt von Maya Kiasashvili).

Seit 1999 ist Lasha Bugdaze an internationalen Literaturprojekten beteiligt, unter anderem in Russland (Seminar of Playwrights „New Drama“ in Moskau 2000, 2003, 2006), aber auch in Westeuropa und Amerika (Residency Program in London Royal Court Theatre London, UK, 2011; Drama Seminar - Tblisi – London – Lviv – Kiev, London Royal Court Theatre, 2012; Pen World Voice Festival, Revolutionary Plays, New York, Martin Segal Theatre, 2012; Projekt „City-Book“, Belgien, 2012; Writers Residency Programm, Paris, Rekollet, 2014).

Bugadses Stücke wurden mehrfach innerhalb und außerhalb Georgiens aufgeführt: The Navigator (2011, Radio BBC World Wide Service, Regie M. Nancarow; As You Like It (Adaptation of W. Shakespear´s play for the “Shakesspeare`s International Festival”, Globe Theatre, London, Regie: L. Tsuladze) etc.

Seit der Gründung des Frankfurter Literarutrsalons EUTERPE war Lasha Bugdaze regelmäßig Gast in der Romanfabrik Frankfurt. Seine Romane in deutscher Sprache „Literaturexpress“ (2016, Übersetzung Nino Haratischwili) und „Lucrecia515“ (2017, Übersetzung Nino Haratischwili und Martin Büttner) sind bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. 01-2018 Achim Hemgenberg