Der Kaukasus der Anderen

© Martin Gerner

Martin Gerner, langjähriger ARD-Korrespondent und Deutschlandfunk-Autor, arbeitet zur Zeit an der Publikation „Der Kaukasus der Anderen“, ein Buch über Begegnungen mit georgischen Autoren, Übersetzern und Figuren der georgischen Gegenwartsgeschichte, das Anfang 2019 im Verlag des Deutschen Presserings erscheint. Das Vorhaben wird vom Literaturhaus Köln und der Karl Rahner Akademie unterstützt im Rahmen des Programms für die Frankfurter Buchmesse, siehe:

https://www.karl-rahner-akademie.de/kurssuche/kurs/Georgien-Gastland-der-Frankfurter-Buchmesse/nr/18011/bereich/details/

Am 5. September erschien in Deutschlandfunk Kultur Martin Gerners Radio-Feature Der weite Weg nach Westen. Georgiens Geschichte am Rande Europas als Teil der Deutschlandfunk-Reihe Zeitfragen Geschichte.

https://www.deutschlandfunkkultur.de/der-weite-weg-nach-westen-georgiens-geschichte-am-rande.976.de.html?dram:article_id=427338

Mit freundlicher Erlaubnis des Autors hier ein Auszug und Audio-Trailer daraus:

Ana Kordsaia-S.


Naira Gelaschwili

(…) „Stalin hatte kein besonderes Interesse an seiner historischen Heimat“, so der georgische Historiker Rewa Gatscheschiladse, „er ließ zu, die bekanntesten Vertreter der georgischen Nation massenweise auszurotten. Die Repressionen von 1937-38 trafen die Georgier genauso hart wie andere, die Partei- und Intellektuellen-Eliten sogar härter. Stalin kannte viele von ihnen persönlich, versuchte aber nicht, sie vor Erschießungen zu bewahren. Im Gegenteil: er regte zu diesen Gräueltaten an. Er erinnerte sich an Georgien erst, als er alt wurde.“

Nach dem Tod Stalins prägte Argwohn das Verhältnis zu Moskau. Die Führung im Kreml bekam dies 1978 zu spüren. Mit einer Verfassungsänderung sollte das Georgische als nationale Sprache weichen. Eine Frage der Identität, die Proteste entfachte.

„Es gab zwei staatliche Sprachen in der Republik Georgien: Georgisch und Russisch. Georgisch war dominant.“, erzählt die Übersetzerin Ana Kordsaia-Samadaschwili. „Ich war in der georgischen Schule und niemand hat uns unterdrückt. Die Sprache hat keiner angerührt. Aber plötzlich wollten sie das ändern. Und bevor das Grundgesetz geändert wurde, gab es Demos. Und man roch, dass es schlecht enden würde. Ich war klein. Aus der Schule hat man meinen Vater angerufen, er sollte mich abholen. Ich hatte einen Schock: wieso kann ich nicht alleine nach Hause? Aber man erlaubte es den Kindern nicht. Alle hatten Angst, dass etwas passiert. Dass die Panzer kommen würden...“

Die rote Armee fährt tatsächlich Truppen auf. Aber das Blutbad bleibt aus. Demonstrierende Studenten und Schüler mit Eltern erzwingen mit ihrem Protest ein kleines Wunder vor dem ZK-Gebäude. Die Sowjetmacht lenkt ein. Georgien darf seine Sprache behalten. Alle anderen Sowjetrepubliken dagegen bekommen das Russische verordnet. Das Misstrauen aber bleibt.

„Wenn Georgien die Sprache verliert“, so Ana Kordsaia-Samadaschwili, „gibt es kein Georgien mehr. Die Mutter wählt man nicht, man liebt die Mutter. Und wenn man sie mir wegnimmt, bin ich zwar ein Mensch, aber dann bin ich ein Krüppel. Es geht nicht.

„Der Sozialismus in der Sowjetunion war natürlich schlecht“, so Naira Gelaschwili rückblickend, die Leiterin des Kaukasischen Hauses in Tiflis und Mitbegründerin der Grünen Bewegung in Georgien. Politikerin, Autorin, Übersetzerin. „Man hat mir verboten, in die DDR zu reisen. Ich wollte dort mein Studium fortsetzen. Man hat mir das nicht erlaubt. Der KGB. Ich war sehr anti-sowjetisch. Als ich die Uni beendet habe, wollte ich mein Studium wenigstens in Jena fortsetzen. Wir hatten damals einen Studentenaustausch. Bis heute. Alle durften. Nur ich habe nie in Deutschland studiert. Das ist für mich ein großer Schmerz geblieben.“ Siehe auch Martin Gerner im WDR-Gespräch zu 200 Jahre deutsch-georgische Beziehungen:

www.1.wdr/mediathek/audio/wdr3/wdr3-mosaik/audio-georgien-und-die-deutsche-sprache-100.html

sowie diesen Essay:

http://www.martingerner.de/wer-regiert-georgien-das-gastland-der-buchmesse-rueckt-naeher/

© Martin Gerner